2022.07.06 – 07.26 Kanadas Norden
Kanadas Norden
Dawson Creek
In Dawson Creek beginnt unser Abenteuer auf dem legendären Alaska Highway. Diese rund 2’200 Kilometer lange Fernstrasse führt uns durch British Columbia und den Yukon bis nach Delta Junction in Alaska. Es ist eine Strecke voller Kontraste: spektakuläre, raue Landschaften und Begegnungen mit Wildtieren wie Bären und Elchen wechseln sich ab mit staubigen Baustellen und einsamen Abschnitten. Wir haben gelernt, dass man hier immer etwas mehr Reisezeit einplanen muss – die Strasse gibt das Tempo vor.
Liard Hot Springs
Zwei Tagesetappen nach unserem Start erreichen wir die Stelle, an der ein Teil des Highways weggespült wurde. Hier lotst uns ein Pilotfahrzeug geduldig über eine provisorische Umleitung durch den dichten Wald. Kurz vor diesem Abschnitt liegt ein echtes Highlight: die Liard Hot Springs. Für uns ist es einer der schönsten Naturpools in ganz Kanada. Ein Holzsteg führt uns durch einen Fichtenwald zu den versteckten, 42 bis 52 Grad heissen Quellen. Für nur 10 CAD bekommt man hier Entspannung pur in einer traumhaften Kulisse.
Der unendliche Kampf gegen die „Bestien“
Wenn nur die Mücken nicht wären! Diese aggressiven Riesenbestien begleiten uns nun schon seit Tagen und machen uns das Leben schwer. Wir haben schon fast alles versucht: von chemischen Mückensprays bis hin zur vollständigen Netzbedeckung für den Körper. Der Erfolg ist leider eher mässig, aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Die magischen Momente in der Natur sind die kleinen Kämpfe allemal wert.
Watson Lake
In Watson Lake spazieren wir durch den berühmten Nummernschilder-Park, den „Sign Post Forest“. Den Grundstein für diesen kuriosen Ort legte im Jahr 1942 ein heimwehkranker Soldat, der beim Bau des Highways ein Schild seiner Heimatstadt aufhängte. Seither ist die Sammlung auf beeindruckende 80’000 Schilder aus der ganzen Welt angewachsen. Es ist spannend, die Namen ferner Städte zu lesen und sich vorzustellen, welche Geschichten die Reisenden zu erzählen hätten. Abgesehen von diesem Schilderwald ist dies jedoch das einzige nennenswerte Highlight in der kleinen Stadt.
Rancheria Falls
Da uns die Stadt nicht lange hält, fahren wir ein Stück weiter zu den nicht weit gelegenen Rancheria Falls. Hier finden wir einen wunderbaren Platz für die Nacht. Die Wasserfälle bieten eine herrliche Kulisse, um den Tag ausklingen zu lassen und die frische Luft des Yukon zu geniessen. Es ist genau die Art von Stellplatz, die wir lieben: nah an der Natur und fernab vom Trubel.
Whitehorse
Whitehorse, die Hauptstadt des Yukon-Territoriums, ist der zentrale Anlaufpunkt für alle Reisenden. Hier nutzen wir die Gelegenheit, in den grossen Einkaufszentren unsere Vorräte noch einmal ordentlich aufzufüllen. Es ist die letzte Chance für einen Grosseinkauf, bevor wir in den extrem dünn besiedelten Norden aufbrechen. Nach den Erledigungen machen wir noch einen kurzen Spaziergang durch die Stadt, um die Atmosphäre aufzusaugen, bevor es wieder in die Wildnis geht.
Klondike Highway Richtung Norden
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns vom Alaska Highway und biegen auf den legendären Klondike Highway ab. Vor uns liegen nun 533 Kilometer reine Wildnis bis nach Dawson City. Die Fahrt ist eindrücklich: Die grossen Waldbrände sind zum Glück erloschen, doch die Spuren der Zerstörung sind noch überall sichtbar. Einzelne Rauchstellen, verkohlte Baumskelette und der beissende Brandgeruch in der Luft erinnern uns daran, wie unberechenbar die Natur hier oben ist und welches Feuer hier noch vor wenigen Tagen durch die Landschaft fegte.
Der Silver Trail
An der Stewart Crossing entscheiden wir uns für einen Umweg und biegen auf den Silver Trail ab. Diese Route führt uns weg vom Hauptverkehr in Richtung der kleinen Ortschaften Mayo und Keno City. Unser Ziel ist es, in dieser abgeschiedenen Gegend vielleicht doch noch das eine oder andere Wildtier zu beobachten. Die Landschaft hier ist rau und unberührt, doch sie trägt auch die deutlichen Spuren der industriellen Vergangenheit.
Wir erreichen Mayo, ein kleines Dorf mit gerade einmal 200 Einwohnern. Unser erster Weg führt uns zum Binet House Museum, das gleichzeitig als Visitor Center dient. Hier erfahren wir viel über die bewegte Geschichte der Region und die Kultur der Na-Cho Nyäk Dun First Nation, die hier seit Generationen verwurzelt ist. Es ist bedrückend zu hören, wie schwierig das Leben geworden ist, seit die grossen Silberminen geschlossen wurden und die wirtschaftliche Grundlage der Region wegbrach.
Keno City
Der Silver Trail endet offiziell etwa 60 Kilometer weiter in Keno City. Diese einst blühende Bergbaustadt ist heute fast eine Geisterstadt und zählt kaum noch zwei Dutzend Einwohner, von denen die meisten in der letzten verbliebenen Mine arbeiten. Obwohl die Gegend rund um den Keno Hill landschaftlich sehr reizvoll sein soll und für ihre weite Aussicht bekannt ist, entscheiden wir uns gegen die Weiterfahrt bis zum äussersten Zipfel. Wir kehren um, Bereichert um viele Eindrücke über das harte Leben im Norden.
Dawson City: Das Tor zum Klondike
Bevor wir uns in das Abenteuer Dempster Highway stürzen, legen wir einen mehrtägigen Stopp in Dawson City ein. Vor dem Visitor Center treffen wir auf zahlreiche andere Overlander. Es ist ein amüsanter Anblick: Man erkennt sofort, wer die staubige Gravelroad noch vor sich hat und wer gerade zurückkommt. Die einen glänzen relativ sauber, während die anderen von einer dicken Schicht aus Dreck und Schlamm bedeckt sind. Wir freuen uns riesig darauf, bald selbst zu den „Dreckigen“ zu gehören!
Wir nutzen die Annehmlichkeiten der Stadt, wie das schnelle Internet der Bibliothek, und stürzen uns am Abend ins Vergnügen. Wir besuchen die Show in der berühmten Diamond Tooth Gertie’s Gambling Hall, dem ältesten Spielcasino Kanadas. Für 20 CAD erhält man eine Eintrittskarte, die einen ganzen Monat gültig ist. Mit drei verschiedenen Vorstellungen pro Abend, den mitreissenden Cancan-Tänzerinnen und Gerties Gesang fühlen wir uns direkt in die Zeit des grossen Goldrausches zurückversetzt.
Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Dawson durch den Goldrausch einen unglaublichen Boom; über 40’000 Menschen suchten hier ihr Glück. Heute leben nur noch gut 1’300 Einwohner an der Mündung von Yukon und Klondike River. Die Stadt bewahrt sich jedoch ihren authentischen Western-Charme: Originalgetreu restaurierte Häuser säumen die Strassen, und am Ufer thront stolz der riesige Schaufelraddampfer SS Keno (während die SS Klondike in Whitehorse liegt). Die Geschichte ist hier an jeder Ecke greifbar.
Den spektakulärsten Blick geniessen wir vom Midnight Dome Viewpoint. Von hier oben übersieht man die ganze Stadt, den Yukon River und den Weg hinüber zum Top of the World Highway. Seinen Namen erhielt der Aussichtspunkt am 21. Juni 1899, als hier das erste Picknick zur Beobachtung der Mitternachtssonne stattfand. Wir können die Damen von damals gut verstehen – es gibt kaum einen schöneren Ort, um den Himmel und die endlose Weite des Nordens zu bestaunen.
Dempster Highway
Endlich geht es los! Vor uns liegen 874 Kilometer pure Gravelroad. Um unsere Windschutzscheibe zu schützen, haben wir den Steinschlagschutz montiert und hoffen nun das Beste. Die Landschaft, die uns empfängt, ist schlichtweg atemberaubend. Überall leuchten die violetten Fireweeds (Schmalblättriges Weidenröschen). Diese zähen Blumen sind die ersten, die nach einem Waldbrand wieder aus der Asche spriessen – daher auch ihr Name. Es ist kein Wunder, dass sie als stolzes Symbol im Wappen des Yukon-Territoriums verewigt sind.
Leben auf dem Permafrost
Es ist faszinierend zu beobachten, wie explosionsartig sich die nordische Flora in den kurzen Sommermonaten entwickelt. Unsere Fahrt führt uns durch eine beeindruckende Mischung aus Taiga und Tundra, die fest auf dem Permafrostboden verankert ist. Wir durchqueren krüppelige boreale Nadelwälder, weite Sumpfgebiete und herrliche Flusstäler. Immer wieder halten wir den Atem an und suchen das Gelände nach Wildtieren ab.
Obwohl wir oft anhalten, um nach Grizzlys Ausschau zu halten, lassen sich die braunen Riesen nicht blicken. Sie sind deutlich scheuer als ihre neugierigen Verwandten, die Schwarzbären. Doch dafür hält der Abend eine andere Überraschung bereit: Kurz vor Erreichen des Arctic Circle treffen wir zufällig auf Monika und Andy. Sie sind bereits auf dem Rückweg und wir nutzen die Gelegenheit, um bei einem kleinen Apero gemeinsam den Sonnenuntergang zu geniessen. In solchen Momenten muss ich mich fast kneifen – es fühlt sich alles so unwirklich schön an, aber es ist unsere reale Wirklichkeit!
Inuvik
Nachdem wir den Polarkreis (LAT 66°22′ N) passiert haben, erreichen wir nach weiteren zwei Tagen Inuvik. Die Stadt hat eine kurze Geschichte: Erst in den 1950er-Jahren entschied die kanadische Regierung, dass die westliche Arktis ein Verwaltungszentrum benötigt. Da der Bau auf Permafrost völlig Neuland war, standen die Ingenieure vor riesigen Herausforderungen. Alles musste entweder auf Pfählen oder auf drei Fuss dicken Kiespads errichtet werden. Besonders markant sind die oberirdischen Wasser- und Abwassersysteme. Die Häuser sind durch silberne „Utilidors“ verbunden, welche die Gas- und Stromleitungen führen, um sie vom gefrorenen Boden fernzuhalten. Heute leben hier etwa 3’400 Einwohner, und neben Hotels und Restaurants prägen das Forschungslaboratorium sowie die berühmte igluförmige katholische Kirche das Stadtbild.
Kontraste und kulturelles Erbe
Trotz der modernen Infrastruktur begegnen uns in Inuvik auch die Schattenseiten des Lebens im hohen Norden. Wie leider vielerorts in dieser Region, machen sich auch hier die Suchtprobleme der Ureinwohner bemerkbar. Der Verlust von Perspektiven und die schwierige Umstellung auf eine moderne Lebensform hinterlassen traurige Spuren. Dennoch wird viel unternommen, um den Menschen eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten. Ein schönes Beispiel dafür beobachten wir beim Inuvik Welcome Center: Eine Gruppe von Frauen sitzt auf der Terrasse und widmet sich mit grosser Sorgfalt traditionellen Handarbeiten. Diese Verbindung von kulturellem Erbe und Gemeinschaft gibt Hoffnung in dieser rauen Umgebung.
Tuktoyaktuk
Die letzten 138 Kilometer zwischen Inuvik und Tuktoyaktuk sind eine Besonderheit, denn sie wurden erst 2017 eröffnet. Zuvor war die Siedlung im Sommer nur aus der Luft oder über das Wasser erreichbar, da die Strecke lediglich im Winter als „Ice Road“ befahrbar war. Auf dem Weg dorthin bietet sich uns ein kurioses Bild, das wir vor lauter Staunen fast vergessen zu fotografieren: Über etliche Kilometer liegen hunderte Schneemobile kreuz und quer mitten in der Taiga. Sie wurden nach dem letzten Schmelzen einfach dort stehengelassen, wo der Schnee aufhörte, und warten nun geduldig auf den nächsten Winter. Wir fragen uns unweigerlich, ob diese Maschinen nach Monaten in Schlamm und Regen im Herbst wirklich wieder anspringen.
Ankunft am nördlichsten Punkt der Panamericana
Es ist ein erhebender Moment, schliesslich am Ufer des Arktischen Ozeans zu stehen – dem nördlichsten Punkt unserer grossen Reise von Nord nach Süd. Den überteuerten Stellplatz an der Landspitze meiden wir und schlafen stattdessen mitten im Dorf. Direkt gegenüber erkunden wir ein traditionelles, mit Erde bedecktes Iglu, das einen Einblick in die ursprüngliche Lebensweise der Region gibt. Das Leben hier oben ist einfach und rau; am Steg beobachten wir Einheimische, die mit viel Reisegepäck aus kleinen Motorbooten steigen – vermutlich die einzige Verbindung zu noch entlegeneren Siedlungen. Nach einem kurzen Rundgang durch die schlammigen Gassen haben wir einen bleibenden Eindruck von diesem Ort im Nirgendwo gewonnen und treten am nächsten Tag die Rückreise Richtung Zivilisation an.
Dawson City
Nach drei ereignisreichen Tagen auf der Gravelroad erreichen wir schliesslich wieder Dawson City. Unser treuer „Bodyduck“ hat auf dem Dempster Highway einiges mitgemacht und sieht dementsprechend aus – er ist von oben bis unten mit einer dicken Schicht aus arktischem Schlamm und Staub bedeckt. Bevor wir unsere Reise fortsetzen können, gönnen wir ihm eine gründliche Reinigung. Es ist ein befriedigendes Gefühl, die Spuren der Wildnis abzuwaschen und das Fahrzeug wieder für den nächsten grossen Abschnitt vorzubereiten.
Auf dem Dach der Welt Richtung Alaska
Nach diesem kurzen, aber notwendigen Aufenthalt heisst es wieder: Aufbruch! Wir verlassen Dawson City und biegen auf den legendären Top of the World Highway ab. Der Name ist hier Programm, denn die Strasse schlängelt sich über die Gipfelkämme der Berge und bietet uns weite Ausblicke über die endlosen Hügelketten des Yukon. Unser Ziel ist nun die Grenze zu Alaska. Wir sind gespannt, was uns auf der anderen Seite der Grenze erwartet, während wir buchstäblich über den Wolken Richtung Westen steuern.










































































































