2021.06.30. – 10.26. Baltikum
Durch das Baltikum
Ein neuer Anlauf Richtung Norden
Letztes Jahr müssen wir unsere Nordkapreise wegen der Corona-Pandemie bereits in Polen abbrechen. Nach unserer zweiten Impfung im Juli dieses Jahres brechen wir jedoch voller Elan auf, um diese Reise endlich fortzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass wir unser Ziel auch dieses Mal nicht erreichen werden.
Die Grenzen nach Litauen
Unsere Route führt uns zunächst durch Österreich, Ungarn, die Slowakei und Polen. Schliesslich überqueren wir die Grenze bei Lazdijai auf der A135 nach Litauen.
Obwohl auf dieser Grenzübergang eigentlich ein Fahrverbot für schwere Motorwagen besteht, haben wir Glück: Ein freundlicher Polizist stuft uns als Wohnmobil ein und winkt uns kurzerhand durch. So beginnt unser litauisches Abenteuer ohne Hindernisse.
Galstas lake
An der ersten Tankstelle kaufen wir uns eine Prepaidkarte – ein Vorhaben, das im Baltikum allgemein sehr günstig und unkompliziert ist. Mit frischem Datenvolumen ausgestattet, fahren wir weiter zu einem Stellplatz am See, den wir zuvor online recherchiert haben.
Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: In Litauen befinden sich die meisten Grundstücke an den Seeufern in Privatbesitz. An unserem Ziel angekommen, treffen wir zufällig auf den Besitzer und seine Familie, die gerade das Wochenende dort verbringen wollen.
Nach einem sehr netten Gespräch dürfen wir bleiben. So lagern wir am Galstas-See, dem tiefsten See Litauens, in direkter Nachbarschaft zu unseren freundlichen und in Partylaune versetzten Gastgebern.
Druskininkai
Wäschewaschen ist wieder einmal angesagt, weshalb wir gezielt einen Campingplatz in Druskininkai ansteuern. Der idyllisch an der Memel gelegene Ort befindet sich rund 130 Kilometer südwestlich der litauischen Hauptstadt Vilnius.
Druskininkai ist weit über die Grenzen hinaus für seine heilenden, salzhaltigen Quellen bekannt. Daher rührt auch der Name der Stadt: Auf Litauisch bedeutet Druskas schlichtweg Salz. Während wir darauf warten, dass unsere Kleider in der Sonne trocknen, nutzen wir die Zeit für einen ausgiebigen Stadtrundgang durch den Kurort.
Vilnius
Bevor wir in die Natur der Westküste Litauens und die Kurische Nehrung eintauchen, besichtigen wir die Hauptstadt Vilnius. Wieder kommen unsere Trottis zum Einsatz, mit denen wir die Stadt erkunden. Der geplante Tag reicht aus, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Besonders beeindruckt und zugleich tief bewegt sind wir vom KGB-Museum. Die grausamen Gefängniszellen, die im Originalzustand belassen wurden, hinterlassen einen bleibenden Eindruck – diese Räume sagen mehr als tausend Worte.
In Vilnius begegnen uns auf Schritt und Tritt Kirchen verschiedenster Glaubensrichtungen – allein über 50 befinden sich im Stadtzentrum. Nicht umsonst wird die Hauptstadt oft als „Stadt der tausend Kirchen“ oder „Rom des Ostens“ bezeichnet. Der Aufstieg zur Burg lohnt sich definitiv (auch wenn man für einen Euro den Lift hätte nehmen können), denn wir werden mit einem atemberaubenden Panorama über die gesamte Stadt entschädigt.
Etwas enttäuscht sind wir vom drehenden Fernsehturm, wo wir eigentlich einen netten Abend bei gutem Essen verbringen möchten. Leider steht der Turm wegen Revisionsarbeiten still. Nicht nur die Einrichtung erinnert stark an die sozialistische Vergangenheit, sondern auch die Auswahl der Menükarte und die Qualität des Essens. Dennoch lohnt sich der Besuch allein wegen der weiten Rundsicht über die Stadt bei Nacht.
Entlang der Memel
In Kaunas legen wir nur einen Zwischenstopp ein. Von hier aus fahren wir entlang der Memel, die gleichzeitig die Grenze zur russischen Enklave bildet, nach Kintai. Die gesamte Ostseeküste präsentiert sich uns als ein wahres Paradies für Kitesurfer.
Kurische Nehrung
Die 98 km lange Kurische Nehrung erreichen wir mit der Fähre von Klaipėda aus. Die Halbinsel wird seit dem Jahr 2000 von der UNESCO als Welterbestätte geführt und steht unter strengem Naturschutz. Der Eintritt für dieses geschützte Areal beträgt 30 Euro pro Person.
Ob man an den weissen Sandstränden chillen möchte oder eine der charmanten Ortschaften besucht, bleibt jedem selbst überlassen. Der spektakulärste Teil der Halbinsel sind jedoch zweifellos die gewaltigen Dünen an der russischen Grenze – sie sind jederzeit einen Besuch wert und bieten einen unvergleichlichen Ausblick.
Liepāja
Südlich von Liepāja werden Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Festungen als Marinestützpunkt gebaut. Doch bereits nach knapp zehn Jahren werden die Anlagen gesprengt, da sich das gesamte Projekt als strategischer Fehler herausstellt.
Der heute berühmteste Teil ist die Nord-Festung (Ziemeļu forti), die für die Öffentlichkeit frei zugänglich ist. Während man zwischen den mit Graffiti bemalten Festungsruinen direkt am Meeresufer verweilt, fühlt man sich augenblicklich in eine ganz andere Zeit versetzt. Die Überreste der massiven Betonbauten, die teilweise in die Ostsee ragen, bieten eine einmalige und leicht mystische Kulisse.
Riga
In Riga übernachten wir auf einem Stadtcamping direkt am Jachthafen. Von hier aus erreichen wir mit unseren Trottis das Zentrum in kürzester Zeit, was ideal ist, um die Stadt flexibel zu erkunden.
Die Altstadt bietet unzählige wunderschöne Bauwerke. Besonders beeindruckend ist das Schwarzhäupterhaus auf dem Rathausplatz sowie das Freiheitsdenkmal, das als Symbol für die nationale Souveränität gilt. Auch die orthodoxe Geburtskathedrale und die mittelalterliche Petrikirche ziehen uns in ihren Bann. Ein weiteres Highlight sind die „Drei Brüder“: Das rechte Haus stammt aus dem 15. Jahrhundert und ist somit das älteste erhaltene Wohnhaus in Riga. Da die meisten Sehenswürdigkeiten sehr zentral liegen, lassen sie sich wunderbar bei einem gemütlichen Rundgang erkunden.
Nach einem feinen Essen an der Promenade nehmen wir uns den riesigen und bunten Zentralmarkt von Riga vor. Es ist immer wieder eine willkommene Abwechslung, zwischen den unzähligen Ständen zu schlendern. Für uns ist es zudem eine grossartige Möglichkeit, unsere Vorräte mit frischem Gemüse und lokalen Produkten aufzufüllen.
Am Abend verabschieden wir uns im Restaurant Folkklub Ala bei einem Dinner und Live-Musik von Riga. Am nächsten Morgen verlassen wir diese lebhafte Stadt und folgen der Küstenstrasse weiter in Richtung Estland.
Muhu
Die rund 200 km² grosse Insel Muhu erreichen wir mit der Fähre von Virtsu aus nach einer halben Stunde Fahrzeit. Als drittgrösste Insel Estlands ist sie vor allem durch ihre direkte Landverbindung zur Insel Saaremaa von Bedeutung. Die urwüchsige Naturschönheit und die riesigen Findlinge, die über die gesamte Insel verteilt sind, bestimmen den Charakter dieses Ortes. Unterwegs besichtigen wir das Freilichtmuseum im Bauerdorf Koguva, das uns einen spannenden Einblick in das traditionelle Leben und Arbeiten auf Muhu bietet. Nach einem kleinen Spaziergang im Hafen geht es weiter nach Saaremaa.
Saaremaa
In der gleichnamigen Stadt der Insel besichtigen wir das Schloss Kuressaare aus dem 14. Jahrhundert. Es gehört zu den interessantesten und besterhaltenen Burgen in ganz Estland. Eine spannende Ausstellung über die Geschichte der Insel erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Der Rundgang auf der gut erhaltenen Festungsanlage bietet uns zudem einen herrlichen Ausblick auf die Umgebung.
Halbinsel Sõrve
Mit diesen grossartigen Eindrücken fahren wir weiter in die Natur. Die Halbinsel Sõrve bildet das langgestreckte, schmale Ende von Saaremaa; sie ist 32 km lang und 10 km breit. An der südlichsten Spitze beim Dorf Sääre, unweit des Leuchtturms, verbringen wir eine stürmische Nacht. Von hier aus nehmen wir die Strecke quer durch die Insel Richtung Norden zum Hafen Triigi.
Den ursprünglichen Plan, auch die dritte Insel Hiiumaa zu bereisen, geben wir jedoch auf, da wir auf die nächste Fährverbindung mehr als sechs Stunden hätten warten müssen. So fahren wir mit der Fähre wieder zurück auf das Festland und freuen uns auf unser nächstes Ziel: Tallinn.
Tallinn und der Jägala-Wasserfall
Inzwischen hat uns eine Regenfront eingeholt. Nach zwei Tagen geben wir schliesslich die Hoffnung auf, Tallinn besuchen zu können, ohne klatschnass zu werden, und fahren enttäuscht weiter. Wir legen jedoch einen kurzen Halt beim Jägala-Wasserfall ein, um ein paar Fotos von den herabstürzenden Wassermassen zu schiessen.
Kap Purekkar
Dann setzen wir die Fahrt zur Halbinsel Purekkari im Lahemaa-Nationalpark fort. Hier befindet sich am Kap Purekkari der nördlichste Landpunkt Estlands. Er endet in einer kleinen Insel, die man nur erreicht, wenn das Wasser seicht genug ist. In der Nähe der Landzunge stossen wir auf ehemalige, verlassene Militärgebäude, die der Landschaft eine besondere Atmosphäre verleihen.
Nach einer kleinen Wanderung auf der Halbinsel Käsmu, die für ihre malerische Küstenlandschaft bekannt ist, zieht es uns weiter östlich in Richtung Narva.
Narva
Diese Stadt an der russischen Grenze erinnert stark an die ehemalige Zugehörigkeit zur Sowjetunion; etwa 95 % der Einwohner gehören der russischsprachigen Minderheit Estlands an.
Die Burg Narva aus dem 13. Jahrhundert zählt zu den besterhaltenen Festungsanlagen des Landes. Von hier aus blicken wir über den Fluss Narva direkt auf die gegenüberliegende Festung Ivangorod auf russischer Seite. Die Brücke dazwischen dient als wichtigster Grenzübergang nach Russland und markiert die streng überwachte Aussengrenze der EU.
Bei der Kreenholm-Manufaktur – einst eine der grössten Textilfabriken der Welt – stehen wir leider vor verschlossenen Toren, obwohl online Führungen angeboten werden. Dennoch beeindruckt uns das riesige Industrieviertel allein durch seine Grösse. Ein weiteres Wahrzeichen der Stadt ist das 63 m hohe Hochhaus mit seinem einzigartigen Wasserreservoir.
Kuremäe
Kuremäe ist ein beschauliches Dorf mit lediglich 271 Einwohnern. Dennoch beherbergt es eine bedeutende Stätte: Hier befindet sich das einzige noch in Betrieb befindliche russisch-orthodoxe Nonnenkloster Estlands, das Kloster Pühtitsa.
Die Klostertore stehen Besuchern offen. Wir können über das gepflegte Gelände spazieren, das stille Leben der Nonnen beobachten oder in der Opferquelle baden. Dieser Quelle wird bis heute eine heilende Wirkung nachgesagt.
Der Ort blickt auf eine faszinierende Geschichte zurück: Laut einer orthodoxen Legende kommt es hier im 16. Jahrhundert zu einer Erscheinung, woraufhin später unter einer alten Eiche eine Ikone gefunden wird. Es soll sich dabei um die Überreste einer Kapelle des finno-ugrischen Volkes der Woten gehandelt haben. Seither trägt der Ort den estnischen Namen Pühtitsa, was so viel wie „geheiligt“ (pühitsetud) bedeutet.
Planänderung
Im Laufe der Zeit stellen wir immer mehr fest, dass sich im Parkett stellenweise Wölbungen bilden. Als am Rand Verfärbungen auftreten, denken wir sofort an einen Wasserschaden. Nach langer Suche finden wir die Ursache: Der Frischwassertank ist undicht. Jedes Mal, wenn der Tank maximal gefüllt ist und das Fahrzeug schräg steht, sammelt sich Wasser auf einer Seite im Innenraum. Mit diesem Defekt müssen wir unsere Nordkap-Reise schweren Herzens abbrechen und zurück nach Ungarn fahren, um den Schaden dort beheben zu lassen.
Tartu
Auf dem Rückweg besuchen wir Tartu, die zweitgrösste Stadt Estlands. Wir spazieren durch den botanischen Garten bis ins Stadtzentrum. Direkt am Rathausplatz steht die hübsche Statue der „Küssenden Studenten“, umgeben von unzähligen Cafés und Museen.
Der Dom zu Tartu ist eines der schönsten Wahrzeichen der Stadt. Er steht heute als imposante Ruine oberhalb der Unterstadt; im renovierten Teil ist das Kunstmuseum der Universität Tartu untergebracht. Der historische Domberg, auf dem auch die ehemalige Sternwarte steht, ist heute eine ruhige Parkanlage. Diese geschichtsträchtigen Gebäude beeindrucken uns von allen Sehenswürdigkeiten am meisten.
Sigulda „Lettische Schweiz“
Da uns eine Regenfront mit Dauerregen begleitet, entscheiden wir uns in Sigulda für einen Campingplatz. Dieser liegt idyllisch an einem See und ist im Vergleich zu manch anderem Platz in Lettland sehr sauber. Von hier aus wollen wir den Gauja-Nationalpark, die sogenannte „Lettische Schweiz“, erkunden.
Das schlechte Wetter und die Sorgen um die bevorstehende Reparatur an unserem „Bodyduck“ dämpfen unsere Unternehmungslust jedoch erheblich. Wir beschränken uns daher auf eine kurze Stadtbesichtigung und den Besuch der Schwertbrüderordensburg Segewold.
Sobald wir durch das Eingangstor die Anlage betreten, stehen wir im grossen Schlossgarten vor dem Neuen Schloss von Sigulda (erbaut 1878–1881), in dem heute die Stadtverwaltung untergebracht ist. Gleich dahinter befindet sich der Eingang zur alten Burg aus dem frühen 13. Jahrhundert. Wir erkunden die geschichtsträchtigen Ruinen und geniessen vom Südturm aus die tolle Aussicht auf das Urstromtal der Gauja und die Burg Turaida. Als der Regen erneut einsetzt, machen wir uns schliesslich auf den Heimweg.
Zaliwie-Szpinki
Nach tagelangen Regenfällen in Zaliwie-Szpinki, eigentlich ein wahres Paradies für Kajakfahrten, erleben wir eine böse Überraschung: Wir sinken im aufgeweichten Boden so richtig tief ein, bis die Achsen im Matsch verschwinden. An ein Fortkommen aus eigener Kraft ist nicht mehr zu denken.
Doch das ist kein Problem für die gastfreundlichen Polen! Obwohl es Sonntag ist, werden kurzerhand der grösste Traktor des Ortes und sogar ein Mähdrescher aufgetrieben. Mit vereinten Kräften und schwerem Gerät werden wir im Nu aus unserer misslichen Lage befreit.
Wir sind für diese spontane und herzliche Hilfsbereitschaft mehr als dankbar!
Miskolc
Anfangs September kommen wir in Ungarn an. Unsere Befürchtungen bestätigen sich leider: Der Frischwassertank ist undicht – und das wohl schon seit längerer Zeit. Das Entfeuchten des Wohnraums nimmt allein zehn Tage in Anspruch, bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen können.
Die Instandsetzung ist umfassend: Die Sitzgruppe und der alte Wassertank werden demontiert und der durchgefaulte Boden komplett entfernt. Ein neuer Tank wird passgenau angefertigt, die Bodenplatten inklusive der Bodenheizung werden ersetzt und anschliessend wird neuer Laminat verlegt.
Da wir von Anfang an mit unserem Wallas-Dieselkochfeld unzufrieden sind – es verrusst ständig und funktioniert nie reibungslos –, nutzen wir die Gelegenheit für ein Upgrade. Wir ersetzen es durch ein modernes Gorenje-Induktionskochfeld.
Nach sechs endlos scheinenden Wochen können wir endlich wieder in unser mobiles Zuhause einziehen und die Fahrt fortsetzen. Wir hoffen inständig, nun eine lange Zeit von solchen Reparaturen verschont zu bleiben, und freuen uns auf die kommenden Erlebnisse mit unserem Bodyduck!


















































































































































