2024.03.08. – 03.22 Mexiko
Mexiko zum zweiten, Teil 3
Wir verlassen Ajijic exakt so, wie wir angekommen sind: mit höchster Konzentration. Es geht wieder durch die extrem engen Gassen Richtung Hauptstrasse. Wir manövrieren uns zwischen Marktständen und geparkten Autos hindurch, wobei es zum Teil um Zentimeter an den Rückspiegeln vorbeigeht. Beim Abbiegen ist mehrfaches Vor- und Zurücksetzen nötig, bis wir endlich „um die Ecke“ sind. Unser Motto dabei: GEHT NICHT, GIBTS NICHT…
Wieder auf der Hauptstrasse angekommen, nutzen wir die Zivilisation für einen Grosseinkauf beim Walmart, um unser Lebensmittellager für die nächsten Etappen ordentlich aufzufüllen.Chapala
In Chapala angekommen, fahren wir am Malecon entlang und finden einen grossen Parkplatz, der zu unserer Überraschung ganz leer ist – ein perfekter Stellplatz.
Wir lassen den Tag ruhig angehen: Ein ausgiebiger Spaziergang führt uns durch die bunten Verkaufsstände am Malecon und die Hauptstrasse hoch und runter. Chapala hat einen ganz eigenen, lebendigen Charme. Als wir schliesslich zum Ufer zurückkehren, werden wir mit einem fantastischen Sonnenuntergang belohnt, der den See in die schönsten Farben taucht. Ein friedlicher Abschluss nach der ganzen Rangierarbeit am Morgen.
Nach über zwei Monaten setzen wir die Segel und verabschieden uns von Charly’s RV Park. Es ist ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Unser grosser Dank gilt Charly, Denis, Alex und dem gesamten Team für die wunderbare Bewirtung, die grossartige Hilfe und Beratung sowie die vielen unvergesslichen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben.
Doch die Freude über die Weiterreise währt nicht lange: Nach nur 150 Kilometern leuchtet erneut die Warnlampe des Retarders auf. Ein echter Dämpfer, da dieser doch gerade erst revidiert wurde. In Leon haben wir bei Scania für Montag einen Termin bekommen – bis dahin müssen wir uns gedulden.
Um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, fahren wir hinauf zum Cerro del Cubilete. Hier thront die grösste Bronze-Christusstatue der Welt – ein gewaltiges Monument, 20 Meter hoch und 80 Tonnen schwer. Auf einer Höhe von 2579 m ü. M. geniessen wir eine fantastische Aussicht über das weite Land. Es ist ein kraftvoller Ort, der einem trotz der technischen Sorgen eine gewisse Ruhe wiedergibt.
Für die Abfahrt in Richtung Guanajuato wählen wir den Camino de Vinos. Die Strasse ist zwar recht holperig und verlangt Mensch und Maschine einiges ab, doch die wunderschöne, hügelige Landschaft entschädigt für jede Erschütterung. Die Natur hier oben ist einfach beeindruckend!
Guanajuato
Wir finden ausserhalb von der Stadt einen grossen öffentlichen Platz, wo wir gemäss Polizei ohne Probleme so lange stehen können, wie wir wollen. +21.004953, -101.258671 Da sind wir mit Susanne und Klaus, @timetotravel-ks, verabredet und werden zusammen Guanajuato erkunden.
Guanajuato (UNESCO Welterbe)
Da Parkplätze für unsere Grösse im Zentrum Mangelware sind, nutzen wir die App inDrive und lassen uns für schmale 150 Pesos zu viert direkt ins Herz der Stadt chauffieren. Guanajuato, die legendäre Silberstadt, empfängt uns mit einer Atmosphäre, die uns sofort in ihren Bann zieht. Die Stadt zeichnet sich durch ihre prächtigen alten Kolonialgebäude, die engen, wirr verlaufenden Gassen und eine tief verwurzelte spanische Vorgeschichte aus.
Mit grosser Begeisterung spazieren wir durch das ständige Auf und Ab der Gassen. Ein absolutes Muss ist der Aufstieg zum Aussichtspunkt Pípila. Von dort oben bietet sich uns ein spektakulärer Blick über das bunte Häusermeer, das sich die steilen Hänge hinaufzieht.
Obwohl die Stadt sehr touristisch ist und unzählige Souvenirverkäufer die Wege säumen, was die Preise merklich nach oben treibt, verliert sie nichts von ihrer Magie. Guanajuato lebt, bebt und vermittelt einen ganz besonderen Charme, dem man sich kaum entziehen kann.
Was Guanajuato so einzigartig macht, ist das unterirdische Tunnelsystem. Ursprünglich wurden diese Tunnel gebaut, um den Fluss Guanajuato umzuleiten und die Stadt vor Überschwemmungen zu schützen. Heute dienen sie als Strassennetz für den Verkehr, was die Oberwelt angenehm ruhig und fussgängerfreundlich hält.
Bekannt ist die Stadt auch für das Teatro Juárez, eines der schönsten Theater Mexikos, und natürlich für die „Callejón del Beso“ (Küsschen-Gasse), die so eng ist, dass sich Paare von den gegenüberliegenden Balkonen aus küssen können. Guanajuato ist nicht nur eine Stadt, es ist ein lebendiges Gesamtkunstwerk.
Die Mumien von Guanajuato
Bevor wir uns wieder ganz dem bunten Treiben der Stadt widmen, besuchen wir einen Ort der besonderen Art: das Museo de las Momias. Es beherbergt die derzeit grösste Sammlung natürlich entstandener Mumien weltweit.
Ausgestellt sind 57 Überreste von ehemaligen Bewohnern der Gemeinde Guanajuato, die zwischen 1870 und 1984 exhumiert wurden. Dass diese Körper nicht verwesten, liegt an den speziellen Bodenbedingungen und dem extrem trockenen Klima der Region.
Die Eindrücke im Museum sind schwer in Worte zu fassen. Ist es interessant, morbide, voyeuristisch, makaber oder einfach nur gruselig? Nach unserer Meinung ist von allem etwas dabei. Die Mimik und die Kleidung der Verstorbenen sind teilweise so gut erhalten, dass man unweigerlich über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Es ist eine Erfahrung, die jeder für sich selbst einordnen muss, die aber definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Nach diesem eher düsteren Kapitel schlendern wir noch einmal durch die lebendigen Gassen und lassen uns erneut vom Zauber dieser farbigen Stadt verzaubern. Das pulsierende Leben im Zentrum ist der perfekte Ausgleich zur Stille des Museums.
Nachdem der Retarder an unserem Bodyduck trotz der ersten Revision immer noch nicht einwandfrei funktionierte, haben wir das Problem in der Scania Werkstatt in Leon erneut erläutert. Garagechef Alejandro nahm sich der Sache persönlich an und setzte alles daran, der Ursache endlich auf den Grund zu gehen.
Es war eine Geduldsprobe für alle Beteiligten: Nach insgesamt 45 Stunden intensiver Sucharbeit fand die Mannschaft schliesslich den Übeltäter. Es handelte sich um einen hartnäckigen Kontaktfehler, der durch einen Kabelbruch mitten in einem dicken Kabelbund verursacht wurde. Ein Fehler, der nur durch akribisches Durchmessen und viel Erfahrung aufgespürt werden konnte.
Am Samstag, nach einer vollen Woche Aufenthalt in der Garage, konnten wir Leon endlich mit einem funktionierenden Retarder verlassen und unsere Reise fortsetzen.
Ein riesiges Dankeschön an die Mannschaft von Scania Leon für ihren unermüdlichen Einsatz!
Dolores Hidalgo
Nach einer Woche Werkstattaufenthalt setzen wir unsere Entdeckungsreise endlich fort. Unser Weg führt uns nach Dolores Hidalgo, einem Ort, der in jedem mexikanischen Geschichtsbuch an erster Stelle steht. Es ist die Geburtsstätte der Nation, und das spürt man beim Schlendern durch die prächtigen Strassen an jeder Ecke.
Das Herz der Stadt ist der zentrale Platz mit der imposanten Parroquia de Nuestra Señora de los Dolores. Genau hier, an den Stufen der Kirche, begann im Jahr 1810 der Unabhängigkeitskrieg. Pater Miguel Hidalgo läutete die Glocken und rief mit seinem berühmten „Grito de Dolores“ das Volk zur Revolution gegen die spanische Herrschaft auf.
Die Stadt ist heute ein wunderschönes Beispiel für koloniale Architektur. Überall findet man Denkmäler und Museen, die an die Helden der Freiheit erinnern. Besonders charmant sind die bunten Fassaden und die vielen kleinen Geschäfte, die für eine weitere Spezialität der Stadt bekannt sind: Talavera-Keramik. Die kunstvoll bemalten Fliesen und Gefässe leuchten in den Schaufenstern mit der Sonne um die Wette.
Ein Besuch in Dolores Hidalgo ist nicht komplett ohne einen Abstieg zu den berühmten Eisverkäufern am Zócalo. Hier gibt es die wohl verrücktesten Eissorten Mexikos – von Tequila über Shrimps bis hin zu Chili-Bier.
Nachdem wir die lebendige Atmosphäre und die historische Pracht genossen haben, finden wir für unseren Scania einen praktischen Ruhepol. Wir stehen ungestört auf dem Parkplatz der Bodega Aurrera (21.161977, -100.939863). Von dort aus ist man schnell im Geschehen, geniesst aber eine überraschend ruhige Basis für die Nacht.
San Miguel de Allende
Vom RV Park Ramirez aus nehmen wir den Bus (8 Pesos pro Person) und tauchen direkt in das Herz einer der schönsten Städte Mexikos ein. Unser Weg führt uns zuerst zum Jardin Allende, dem zentralen Platz, der mit seinen perfekt gestutzten Lorbeerbäumen und schmiedeeisernen Bänken das pulsierende Zentrum bildet.
Über allem thront das Wahrzeichen der Stadt: Die Parroquia de San Miguel Arcángel. Ihre neugotischen, rosa schimmernden Türme sind einzigartig in Mexiko und wurden im 19. Jahrhundert von einem lokalen Baumeister entworfen, der sich angeblich von Postkarten europäischer Kathedralen inspirieren liess.
Beim Schlendern durch die kopfsteingepflasterten Gassen fasziniert uns das harmonische Farbspektrum der Stadt. Jedes Haus scheint in warmen Ocker-, Terrakotta- oder tiefen Rottönen gestrichen zu sein. Hinter schweren Holztoren erahnen wir immer wieder prachtvolle Innenhöfe mit plätschernden Brunnen und blühenden Bougainvilleen.
Unsere Entdeckungstour führt uns zu geschichtsträchtigen Orten wie der Plaza Civica und dem Templo de Nuestra Señora de la Salud mit seiner fein gearbeiteten Steinfassade. Ein kleiner technischer Nostalgie-Stopp ist die berühmte alte Pemex-Tanksäule, die heute als beliebtes Fotomotiv dient.
Im Mercado de Artesanías tauchen wir tief in das lokale Kunsthandwerk ein – von kunstvollen Zinnarbeiten bis hin zu handgewebten Textilien. Inmitten all dieser Eindrücke entdecken wir noch ein Plakat für ein Santana-Tributkonzert am 22. März, ein tolles kulturelles Extra für unseren Aufenthalt. San Miguel de Allende vermittelt uns einen ganz besonderen Zauber: Es ist lebendig und geschichtsträchtig, aber wir erleben es viel entspannter und weniger überlaufen, als wir im Vorfeld vermutet hatten.
Santana-Fieber in San Miguel
Manchmal schliesst sich ein Kreis auf die unerwartetste Weise. Nachdem wir letztes Jahr in Las Vegas den „Meister“ Carlos Santana nur deshalb verpasst hatten, weil unser US-Visum zwei Tage vor dem Konzert ablief, bekamen wir hier in San Miguel de Allende eine ganz besondere zweite Chance. Das San Miguel de Allende World Music Orchestra lud zum Tributkonzert, und es wurde ein Abend voller Emotionen.
Michael Shrieve
Die grösste Überraschung des Abends war jedoch ein ganz besonderer Gast auf der Bühne: Michael Shrieve. Er war der Schlagzeuger, der bereits 1969 beim legendären Woodstock-Festival mit Santana auf der Bühne sass und die Welt mit seinem Spiel begeisterte. Ihn hier, in diesem intimen und geschichtsträchtigen Rahmen, live zu erleben, war ein Gänsehaut-Moment, der die Enttäuschung vom letzten Jahr endgültig wettgemacht hat.
Es war ein sehr gelungenes und emotionales Konzert, das die Seele der Musik perfekt eingefangen hat. San Miguel hat uns damit ein Geschenk gemacht, mit dem wir beim Entdecken des Plakats in den Gassen niemals gerechnet hätten.
Vollgepackt mit diesen musikalischen Eindrücken spazierten wir nach dem Konzert noch durch die Altstadt. Es war der perfekte Abschluss: Die fantastisch beleuchteten Kirchen und historischen Gebäude verliehen den nächtlichen Gassen eine ganz besondere, fast schon feierliche Atmosphäre. San Miguel bei Nacht ist ein Anblick, den man so schnell nicht vergisst.

























































































































































































































