2022.05.19 – 06.09. Newfoundland and Labrador
Newfoundland and Labrador, Teil 2
Gander
Leider wurde uns die falsche Bankkarte geschickt, was unsere Pläne etwas durcheinanderbringt. Wir müssen erneut eine Karte bestellen, dieses Mal nach Corner Brook. Auf dem Weg dorthin machen wir Halt in Gander, wo sich direkt am Trans-Canada Highway das North Atlantic Aviation Museum befindet. Hier wird die beeindruckende Geschichte und Bedeutung des Flughafens von Gander dargestellt. Im Zweiten Weltkrieg erhielt der Flughafen den Beinamen „Crossroads of the World“, da tausende Flugzeuge aus Europa ihn als erste Möglichkeit zum Auftanken nutzten.
Yellow Ribbon
Besonders bewegend ist die jüngere Geschichte der Stadt. Nach den Ereignissen vom 11. September 2001 bewies Gander eine unglaubliche Solidarität mit den gestrandeten Flugzeugen und Passagieren. Im Rahmen der „Operation Yellow Ribbon“ wurden 38 Verkehrsflugzeuge mit insgesamt 6’122 Passagieren und 473 Besatzungsmitgliedern in der Stadt aufgenommen und beherbergt. Es ist beeindruckend zu sehen, wie eine so kleine Gemeinde in einer Krisenzeit über sich hinausgewachsen ist und tausenden Fremden ein Zuhause auf Zeit bot.
Giganten in Brighton
Auf unserem Weg nach Brighton, am Cobbler Island, entdecken wir unsere nächsten Eisberge – dieses Mal sind es gleich zwei der beeindruckenden Kolosse, die im kalten Wasser treiben. Von diesem verschlafenen Ort aus führt ein wunderschöner Trail direkt vom Visitor Center in die Natur. Der Weg ist gesäumt von mehreren Aussichtspunkten, die einen weiten Blick über das Meer ermöglichen.
Wir erfahren, dass man von hier aus mit etwas Glück Wale, Delfine und Robben beobachten kann. Und tatsächlich: Wir haben dieses unglaubliche Glück! Es ist einfach grossartig – wir sehen sie alle! Die Tiere schwimmen und springen voller Energie in der Bucht hin und her. Diesem lebendigen Treiben zuzusehen, während im Hintergrund die stillen Eisberge thronen, ist ein Naturerlebnis, das uns tief beeindruckt hat.
Zwangspause in Corner Brook
In Corner Brook müssen wir leider länger als geplant auf unsere neue Bankkarte warten. Wir machen das Beste daraus und nutzen die Zeit, um die Stadt und ihre nähere Umgebung gründlich kennenzulernen. Wir erkunden einige schöne Wanderwege, wie zum Beispiel den Pipeline Trail, der an einem malerischen Wasserfall vorbeiführt, oder den entspannten Walking Trail rund um den Glynmill Pond. Auch praktische Dinge wie die Erledigung unserer Wäsche stehen auf dem Programm.
Wetterkapriolen an der Bottle Cove
Eigentlich wollen wir ein paar Tage an der Bottle Cove verbringen, die etwa 50 Kilometer westlich an der Küste liegt. Die Bucht ist bekannt für ihre traumhaften Wanderwege. Doch leider macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung: Eine Front mit starkem Wind und heftigem Regen zieht über uns hinweg. Nach insgesamt zehn Tagen sind wir schliesslich mehr als froh, als wir die neue Karte endlich in den Händen halten und die Stadt hinter uns lassen können.
Kurs Nord: Abschied von Neufundland
Die Zeit vergeht wie im Flug! Wir haben noch so viel vor, unter anderem den gesamten Labrador Highway zu befahren, doch von unserem sechsmonatigen Visum sind bereits zwei Monate verstrichen. Wir müssten Prioritäten setzen und entscheiden uns daher, direkt zum Ferry Terminal in Saint Barbe zu fahren. Doch das Wetter macht uns erneut einen Strich durch die Rechnung: Wegen starkem Regen und heftigem Wind müssen wir zwei Tage im Hafen ausharren, da die Fähre den Betrieb einstellen muss.
Ankunft im unendlichen Nichts
Als wir endlich die andere Seite erreichen, empfängt uns eine deutlich kargere Landschaft als auf Neufundland. Dennoch fühlen wir uns vom Anblick dieses unendlichen Nichts sofort überwältigt. In Red Bay stellen wir uns der Herausforderung des 1,6 Kilometer langen Tracey Hill Trailhead: Über 689 Treppenstufen steigen wir hinauf und werden mit einer Aussicht belohnt, die unsere Vorfreude auf die kommenden Tage in der Wildnis Labrador noch steigert.
Die Einsamkeit des Trans-Labrador Highway
Die erste grössere Stadt, Happy Valley-Goose Bay, liegt stolze 619 Kilometer von Blanc-Sablon entfernt. Auf dem Weg dorthin passieren wir nur wenige kleinere Ortschaften mit Tankstellen, und es herrscht insgesamt sehr wenig Verkehr. Die unendliche Weite Labradors wird hier so richtig spürbar. Man sollte das Tanken in Happy Valley-Goose Bay fest einplanen, da die Treibstoffpreise dort im Vergleich deutlich günstiger sind.
Eine teure Lektion in Port Hope Simpson
Diesmal haben wir leider Pech gehabt: Der Dieselpreis in Happy Valley-Goose Bay ist einen vollen Dollar günstiger als das, was wir in Port Hope Simpson bezahlt haben. Bei den grossen Mengen, die unser Expeditionsmobil schluckt, ist das ein ordentlicher Unterschied. Aber so ist das Leben auf der Strasse – man lernt ständig dazu und lässt sich die Laune von solchen Preissprüngen nicht verderben.
Churchill Falls: Eine Stadt für die Energie
Unsere nächste Tagesetappe führt uns 310 Kilometer weit bis nach Churchill Falls. Die Ortschaft ist eine reine Arbeiterstadt mit etwa 700 Einwohnern und wurde im Jahr 1967 im Zuge des Baus des hiesigen Stromkraftwerks gegründet. Da es sich um das zweitgrösste Kraftwerk Kanadas handelt, dreht sich hier alles um die Energiegewinnung. Abgesehen von einer Skipiste hat der Ort für Touristen wenig zu bieten und wirkt auf uns eher trostlos.
Der gezähmte Riese am Bowdoin Canyon
Umso mehr beeindruckt uns jedoch der nach dem britischen Premierminister Winston Churchill benannte Wasserfall, der nur wenige Kilometer entfernt liegt. Wir wandern auf dem Bowdoin Canyon Trail, um den 75 Meter hohen Fall zu betrachten. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort: Der Churchill River wurde einst umgeleitet, um das riesige Smallwood Reservoir zu füllen. Dadurch wurde der ehemals mächtigste Wasserfall Kanadas zu einem kleinen Bach degradiert, der heute nur noch leise über die gewaltigen Felsen rieselt – ein stilles Denkmal für den massiven Eingriff des Menschen in die Wildnis.
Labrador City
Die Fahrt führt uns über 220 Kilometer nach Labrador City. Zusammen mit der fast nahtlos angrenzenden Ortschaft Wabush leben hier etwa 10’000 Menschen. Es gibt zwar einige Restaurants und ein Einkaufszentrum mit einem Walmart, doch viele der kleineren Geschäfte stehen leer. Obwohl man die Bemühungen der Stadt spürt, etwas Flair zu schaffen, finden wir hier kaum touristische Highlights.
Tanya Lake
Der einzige Ort, der uns wirklich anspricht, ist der Tanya Lake. Er ist ein beliebter Treffpunkt, an dem man ein wenig spazieren gehen und sich entspannen kann. Dennoch bleibt unser Eindruck: Es ist eine Stadt ohne grosse touristische Anziehungskraft. So halten wir uns nicht allzu lange auf, denn wir haben noch 371 Kilometer vor uns, bis wir unser nächstes Etappenziel erreichen.
Hinter Labrador City und der Grenze nach Québec erwartet uns eine Überraschung: Von der erhofften Einsamkeit ist zunächst wenig zu spüren. Die Region ist geprägt von riesigen Dolomit- und Eisenerzminen. Schwere Lastwagen donnern im Fünfminutentakt über den Highway, um das gewonnene Steingut abzutransportieren. Es ist ein geschäftiges Treiben, das uns erst einmal staunen lässt. Doch irgendwann beruhigt sich der Verkehr glücklicherweise, und wir können die Fahrt Richtung Manic-5 wieder ganz entspannt geniessen.
Das Auge von Québec: Manic-5
Unser Ziel ist der Daniel-Johnson-Damm am Manicouagan-Stausee. Dieses Bauwerk ist ein absoluter Weltrekord: Ein Stützdamm mit 13 Bögen, der grösste seiner Art weltweit. Er staut den Manicouagan-See auf, der eine faszinierende Entstehungsgeschichte hat.
Vor etwa 214 Millionen Jahren schlug hier ein Meteorit mit einem Durchmesser von fünf Kilometern ein und schuf diesen ringförmigen See. Aufgrund seiner markanten Form wird er auch als das „Auge von Québec“ bezeichnet – ein monumentales Zusammenspiel aus Urzeit-Geschichte und moderner Ingenieurskunst.
Baie-Comeau
Nach weiteren 217 Kilometern erreichen wir Baie-Comeau und haben sofort das Gefühl, in einer ganz anderen Welt gelandet zu sein. Während das Leben an der Ostküste im Schneckentempo und mit einer für uns Europäer ungewohnten Gemütlichkeit verläuft, spürt man hier deutlich, wie die Stadt pulsiert. Alles wirkt viel lebendiger und geschäftiger. Doch leider fällt uns auch eine Schattenseite auf: Littering scheint im Osten ein echtes Problem zu sein. Trotz zahlreicher Hinweistafeln, die hohe Geldstrafen androhen, liegt viel Abfall in der Natur. Hier gibt es definitiv noch Verbesserungsbedarf.
Fazit
Im krassen Gegensatz dazu stehen die gepflegten Häuser und sauberen Strassen, die uns seit unserer Ankunft in der Provinz Québec begegnen – aber darüber werden wir in unserem nächsten Beitrag ausführlicher berichten. Rückblickend bereuen wir es keine Sekunde, Neufundland und Labrador bereist zu haben. Die atemberaubende und unglaublich vielseitige Landschaft hat uns tief beeindruckt. Wir nehmen unzählige spezielle und wertvolle Eindrücke aus dem Osten Kanadas mit in unsere nächste Reiseetappe!
Durch Newfoundland and Labrador in Zahlen:
• 36 Tage unterwegs
• 4’767 Km gefahren
• 0 Campground
• 0 Pannen











































































